Warum wir Erfahrungsexpert_innen nicht länger unterschätzen sollten

Eine neue Perspektive auf und für Betroffene

by Annegret Corsing

Warum wir Erfahrungsexpert_innen nicht länger unterschätzen sollten

Eine neue Perspektive auf und für Betroffene

by Annegret Corsing

by Annegret Corsing

Schon seit einigen Jahren werden vermehrt ErfahrungsexpertInnen, auch Peer-Berater oder kurz Peers genannt (aus dem Englischen: Gleichrangige, Ebenbürtige) im psychosozialen und psychiatrischen Bereich ausgebildet und eingesetzt. Sie beraten oder begleiten Betroffene und teilen dabei vor allem auch ihre eigenen Erfahrungen.

Als Erfahrungsexperten werden psychiatrie- und krisenerfahrene Menschen bezeichnet, die ihre eigene Krise und psychische Erkrankung nachhaltig überwunden oder sich erfolgreich stabilisiert haben und ihre Erfahrungen heute an Andere weitergeben. ~ die erfahrungsexperten

Die Idee, Psychiatrie- und Krisenerfahrene in die Begleitung anderer Betroffener einzubinden, ist nicht neu und geht auf erste Entwicklungen in den 80er Jahren in Großbritannien und den Niederlanden zurück. Sie wird häufig auch als Peer Support (Unterstützung) oder Peer Counseling (Beratung) bezeichnet.

Heute gibt es zahlreiche Organisationen, die sich diesem Thema verschrieben haben, bspw. der Verein expeerienced – erfahren mit seelischen Krisen e. V. oder das EX-IN Netzwerk, welches in ganz Deutschland Genesungsbegleiter und Dozenten ausbildet, die dann in Kliniken und Beratungsstellen tätig werden.

Schnittstelle zwischen zwei Welten

Erfahrungsexperten können als Schnittstelle zwischen Betroffenen und bspw. Fachpersonal einer psychiatrischen Einrichtung eine wichtige Brücke schlagen. So tragen sie zum gegenseitigen Verständnis und zur Verbesserung der psychiatrischen Versorgung bei. Selbst ohne eine Weiterbildung zur Peer-Beraterin empfinde ich meine Erkrankung und meine bisher bewältigten Krisen, und was ich daraus mitnehmen konnte, heute viel mehr als eine wichtige Zusatzqualifikation in “Krisenbewältigung” und “Emotionsregulation”. Außerdem verfüge ich, wie viele andere Erfahrungsexperten mit und ohne Ausbildung, inzwischen über ein beachtliches Wissen in Psychopathologie und habe über viele Jahre durch ehrenamtliche Tätigkeiten mit anderen Betroffenen “Berufserfahrung” als Peer gesammelt.

 

Es ist Zeit für einen Perspektivwechsel.

 

Ebenso verhält es sich bei meiner Kollegin Nora Fieling, die ich vor dreieinhalb Jahren in einer Tagesklinik kennenlernte und mit der ich mittlerweile auch beruflich zusammenarbeite. Wir leiten unter anderem gemeinsam das von mir entwickelte Resilienztraining RAMSES-II zur Überbrückung von Therapiewartezeiten. Noch in diesem Herbst geht das Pilotprojekt eines gemeinnützigen Unternehmens mit dem Namen die erfahrungsexperten an den Start. Der besondere Fokus liegt dabei, wie der Name schon sagt, auf dem Einsatz von Erfahrungsexperten bei unseren unterschiedlichen Hilfsangeboten für Betroffene von psychischen Erkrankungen.

Nora hat sich über das Bloggen und über ihre ehrenamtliche Arbeit in der Selbsthilfe in Berlin als Erfahrungsexpertin etabliert. Zu meiner großen Freude hat sie mittlerweile sogar ein ursprünglich für SozialarbeiterInnen ausgeschriebenes Arbeitsangebot bei einer Kontakt- und Beratungsstelle für die Selbsthilfe in Berlin angenommen.

Beziehung auf Augenhöhe

Dass Nora ein Angebot für eine so wichtige Fachstelle erhalten hat, finde ich, ist ein ganz wichtiges Zeichen dafür, in welche Richtung wir uns bewegen – und weiterbewegen sollten. Denn ich erlebe und höre auch immer wieder, dass Betroffene, die sich als Erfahrungsexperten etablieren möchten, leider nicht ernst genommen werden und es ungleich schwerer haben als “Profi-Kollegen”. Dass Betroffene oder ehemalig Betroffene gemeinsam mit Fachpersonal Patienten betreuen und begleiten, sei es in der Psychiatrie oder in Beratungsstelle,n funktioniert in der Praxis noch lange nicht so, wie eine Peer-Beratung funktionieren könnte. Sei es, weil die Bezahlung schlecht ist oder weil manche Behandler Psychiatrie-Erfahrene nicht als Partner auf Augenhöhe betrachten. [2]

Betroffene hingegen empfinden die Anwesenheit eines Erfahrungsexperten, bspw. in einer Gruppe als sehr hilfreich. Dort bekommen wir sehr viel gutes Feedback, gerade weil sich eben eine Beziehung auf Augenhöhe entwickeln kann. Es tut Betroffenen gut, sich verstanden zu fühlen. Und das passiert ganz oft, wenn sie das Gefühl haben: Jemand kennt meine Situation und meine Gefühle auch. Ich bin nicht allein.

Das Erfahrungswissen, was wir Betroffenen uns durch viele Krisen aneignen mussten, ist in der Tat kein Manko, sondern eine bedeutsame Zusatzqualifikation, die man nicht aus Büchern lernen kann.
Wenn ein Sportler nach einem Unfall in einem Rollstuhl sitzen muss, dann braucht er natürlich seine Ärzte, Physiotherapeuten und einen Trainer für seine Mannschaft. Aber mindestens genauso wichtig sind Tipps und Moves im Umgang mit dem Rolli von Sportlern, die ebenfalls im Rollstuhl sitzen.
Und genau so sehe ich mich als Erfahrungsexpertin in der Peer-Beratung.

~ Nora Fieling

So viel Kompetenz

Insgesamt sehen wir als Erfahrungsexperten eben genau die Kombination aus Kompetenzen und Erfahrungen mit einer psychischen Erkrankung als eine große Chance an, ein riesengroßes Plus an Lebenserfahrung, die weitergegeben werden kann und sollte.

Wenn Betroffene mit einem Mal (z.B. mit einer Diagnose) nur noch ihre Erkrankung zu “sein” scheinen, dann scheint die ganze Erfahrung, das Wissen, die Kompetenzen aus einem früheren Leben, das ja weiter läuft, wie ausgeblendet und nicht mehr vorhanden.

In solchen Situationen können Erfahrungsexperten eine ganz besondere Kraft und Stärke spenden, denn Sie sind der Beweis dafür, dass man sich mit Mut und Hartnäckigkeit seinen eigenen Themen stellen und Krisen bewältigen kann. Darin steckt enorm viel Energie und Potenzial, Hoffnung und Perspektive.

Erfahrungswissen: Zusatzqualifikation statt Stigma

Es existieren noch immer Vorurteile, Scham und Schweigen. Noch immer trauen sich viele Betroffene, gerade im beruflichen Umfeld, nicht über ihre Erkrankung zu sprechen. Zu groß ist die Angst, in eine Schublade gesteckt zu werden. Es wird also höchste Zeit, dass unsere ganze Gesellschaft lernt, umzudenken in Bezug auf psychische Erkrankungen und den großen Vorteil, der Betroffenen durch Erfahrungsexperten zugute kommt.

 

Dieser Artikel ist auch erschienen beim Mutmachleute e.V.

[1] Mark Salzer: Consumer-delivered services as a best practice in mental health care and the development of practice guidelines. Psychiatric rehabilitation skills 6: 355–382, 2002

[2] Broschüre des Dachverbands Gemeindepsychiatrie e.V., 2016

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